Rede des Botschafters Peter Dettmar auf dem Empfang zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2017

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Sehr geehrter Herr stellvertretender Außenminister Dapkjunas,

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Gäste!

Ich möchte Sie herzlich willkommen heißen aus Anlass des Empfangs zum Tag der Deutschen Einheit, dem Tag, an dem sich vor 27 Jahren die Wiedervereinigung unseres Landes nach Jahrzehnten der Teilung friedlich und in Übereinstimmung mit unseren Partnern und Nachbarn vollzog. Ein Tag, an den wir Deutschen uns Jahr für Jahr in Dankbarkeit erinnern.

Meine Damen und Herren,

Kein Name ist mit diesem Datum enger verbunden als der von Helmut Kohl, des am 16. Juni diesen Jahres verstorbenen Alt-Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschlands. Die Geschichte der Deutschen nach den Grauen des Zweiten Weltkriegs und ihre Hoffnung, in einem freien Europa in Frieden zu leben – Helmut Kohl hatte diese Hoffnung nie aufgegeben, und wir Deutschen verdanken es ihm, dass sie heute Realität ist: die friedliche Einheit in einem freien Europa. Als sich 1989 die von manchen längst für unrealistisch gehaltene Chance ergab, ergriff Helmut Kohl mit sicherem Instinkt, der den großen Staatsmann auszeichnet, die Initiative: Mit seinem am 28. November 1989 vor dem Bundestag in Bonn verkündeten 10-Punkte-Programm gab er der friedlichen Revolution in der damaligen DDR ihre ehrgeizige politische Richtung:

hin zur deutschen Einheit. Es war eine Sternstunde unserer Parlamentsgeschichte und eine politische „Glanzleistung“, wie sein Amtsvorgänger Helmut Schmidt anerkennend befand.

Dass die Einheit Deutschlands und Europas keine Utopie blieb, ist maßgeblich seiner Hartnäckigkeit in Grundsatzfragen und seinem entschlossenen Zugriff in der konkreten historischen Situation zu verdanken. Was folgte war die beispiellose Erfolgsgeschichte einer ebenso besonnenen wie zielgerichteten Diplomatie, ihr Ergebnis die deutsche Einheit im Staaten- und Werteverbund des Westens, im Einvernehmen mit allen unseren Nachbarn und mit Unterstützung wichtiger Partner in der Welt. Helmut Kohl wusste, dass dieses große nationale Ziel nur über die Einigung Europas zu erringen war. Die Union der europäischen Staaten war ihm dabei aber nie allein ein Mittel, sondern immer ihr eigener Zweck: das große Friedensprojekt auf dem ehemals verfeindeten Kontinent, das er am Ende seiner Amtszeit auch über die gemeinsame Währung unumkehrbar zu machen suchte.

Meine Damen und Herren,

Helmut Kohl dachte in historischen Dimensionen, denn er wusste um die identitätsstiftende Kraft der Geschichte. Zitat: „Politik ohne Geschichte ist wurzellos, bleibt ziellos, ohne Grund und Perspektive. Wer die Zukunft politisch gestaltet, muss aus der geschichtlichen Erfahrung leben, ohne bei ihr stehen zu bleiben.“ Daher sind 27 Jahre deutsche Einheit sicherlich ein Grund zur Freude, aber eben auch mehr. Etwas mehr als ein Vierteljahrhundert nach Ende des Kalten Kriegs fordert uns der heutige Jahrestag auf, uns mit aller Kraft gegen eine neue Spaltung unseres Kontinents, gegen die krisenhafte Entwicklung der europäischen Sicherheitsordnung  zu stemmen. Dies ist nicht zuletzt auch der Auftrag, das historische Erbe Helmut Kohls.

Meine Damen und Herren,

Dem historischen Ansatz folgend war es richtig und konsequent, dass wir am 13. März diesen Jahres, also an dem Tag, an dem wir des 25. Jahrestages der Wiederaufnahme unserer bilateralen diplomatischen Beziehungen gedachten, im Museum des Großen Vaterländischen Kriegs die von Historikern beider Länder erarbeitete Ausstellung „Vernichtungsort Malyi Trostenez – Geschichte und Erinnerung“ gemeinsam eröffnet haben. Eine solche grenzüberschreitende Zusammenarbeit von Historikern aus unseren beiden Ländern ist selbst über 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Viel zu grausam waren die Taten des nationalsozialistischen Regimes in Belarus. Viel zu lange wurden diese Verbrechen in Deutschland verdrängt und ausgeblendet. Es spricht für die gewachsene Tiefe unserer Beziehungen in den vergangenen 25 Jahren, dass die belarussische Zivilgesellschaft und die Regierung für einen gemeinsamen Dialog und ein gemeinsames Gedenken bereit sind.

Aber – meine Damen und Herren – wie das bei Jubiläen notwendig ist, sollten wir nicht nur zurückschauen. Wir müssen uns klar machen, dass unsere Beziehungen nur dann funktionieren, wenn alle mittun – wie dies schon Johannes Rau, der Namensgeber des heutigen Veranstaltungsortes, erkannt hat. Und wir dürfen auch nicht davor zurückschrecken, uns einzumischen. Denn eine gute, verlässliche Partnerschaft besteht doch gerade darin, dass man auch schwierige Themen anspricht. Dieser Prozess, wenn auch manchmal schmerzlich und beschwerlich, hat sich gelohnt: Die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern sind so vielfältig und breit wie nie. In diesen 25 Jahren sind wir einen langen Weg gegangen, auf dem sich unsere Kontakte deutlich intensiviert haben. Ohne die Bürgerinnen und Bürger von Belarus, die uns die Hand zur Versöhnung entgegengestreckt haben, wäre das nicht möglich geworden.

Meine Damen und Herren,

Der Prozess der Versöhnung zwischen unseren beiden Staaten war kein Selbstläufer. Es liegt an uns allen, ob sich unser Verhältnis in den kommenden Jahren positiv weiter entwickelt. Mir liegt dabei besonders am Herzen, die Zivilgesellschaft, insbesondere junge Menschen zu ermutigen, sich zu begegnen, sich besser kennen zu lernen, voneinander und miteinander zu lernen. Unser Europa steht für Frieden, Freiheit, Demokratie, Solidarität und Rechtsstaatlichkeit. Wir haben Mauer, Zäune und Stacheldraht vor 27 Jahren überwunden. Tragen wir alle dazu bei, dass dies so bleibt. Lassen Sie uns daran arbeiten, die Grundlagen gemeinsamer Prinzipien und Werte zu erweitern - für eine gelingende Partnerschaft in Europa.

Ehe ich den stellvertretenden Außenminister um das Wort bitte, möchte ich Sie im Anschluss daran bitten, mit uns gemeinsam auf eine glückliche Zukunft unserer beiden Länder und ihrer Menschen das Glas zu erheben.  

Rede des Botschafters Peter Dettmar auf dem Empfang zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2017