Grußwort des Botschafters Peter Dettmar aus Anlass des Empfangs zum Tag der Deutschen Einheit am 04. Oktober 2016

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Gestern jährte sich zum 26. Mal der Tag der Deutschen Einheit. Ein glücklicher Tag für uns Deutsche, fügte er doch nach vier Jahrzehnten der Trennung am 03. Oktober 1990 das „wieder zusammen, was zusammengehört“, so die damaligen Worte von Alt-Bundeskanzler Willi Brandt. Unsere Einheit wurde niemandem aufgezwungen, sondern friedlich vereinbart. Sie ist Teil eines gesamteuropäischen geschichtlichen Prozesses, der die Freiheit der Völker und eine neue Friedensordnung unseres Kontinents zum Ziel hatte und hat. Diesem Ziel wollen wir Deutsche dienen. Ihm ist unsere Freiheit gewidmet.

In wenigen Tagen, am 09. November jährt sich zum 27. Mal der Fall der Berliner Mauer. Der 09. November 1989 war der Höhepunkt einer revolutionsähnlichen Entwicklung. Die Bürgerinnen und Bürger der DDR spielten dabei die Hauptrolle: die einen, weil sie alles daransetzten, einen Staat zu verlassen, der ihnen die Reisefreiheit verweigerte, und mit Botschaftsbesetzungen im Ausland ihre Ausreise erzwangen; die anderen, weil sie lautstark verkündeten, sie wollten in der DDR bleiben. Dafür aber forderten sie grundlegende Reformen ein, die das Regime nicht bewilligen konnte, ohne seinen Untergang einzuleiten. Unter diesem doppelten Ansturm ist die DDR binnen weniger Monate zusammengebrochen. Die sich in den darauf folgenden Wochen und Monaten anschließenden Verhandlungen im bilateralen wie größeren Rahmen der sogenannten 2-plus-4-Verhandlungen führten ein Jahr später am 03. Oktober 1990 zur abschließenden Regelung der Wiederherstellung der Deutschen Einheit. Seine Einheit erlangte Deutschland 1990 nur wieder, weil es glaubwürdig mit jenen Teilen seiner politischen Tradition gebrochen hatte, die der Entwicklung einer freiheitlichen Demokratie westlicher Prägung entgegenstanden. Eben darauf beruhte Deutschlands „zweite Chance“, von der der aus Breslau stammende, von Hitler zur Emigration gezwungene und kürzlich verstorbene deutsch-amerikanische Historiker Fritz Stern im Juli 1990 gesprochen hatte.

Der Konflikt um die Ukraine belegt, dass Frieden und Stabilität noch keine Selbstverständlichkeiten in Europa sind, sondern immer neuer Anstrengungen bedürfen. Daher gilt für Deutschland, was Bundespräsident Gauck vor nicht geraumer Zeit sagte: „Wir können nicht hoffen, verschont zu bleiben von den Konflikten dieser Welt. Aber wenn wir uns an deren Lösungen beteiligen, können wir die Zukunft zumindest mitgestalten. Deshalb lohnt es sich für die Bundesrepublik, in die europäische Zusammenarbeit und die internationale Ordnung zu investieren.“ In diesem Geist hat Deutschland in diesem Jahr die Präsidentschaft in der OSZE unter dem Motto „Dialog erneuern, Vertrauen neu aufbauen, Sicherheit wieder herstellen“ übernommen. Bei Übernahme der OSZE-Präsidentschaft und mit Blick auf Zeiten einer der schwersten Krisen der europäischen Sicherheitsordnung seit Ende des Kalten Krieges formulierte Außenminister Steinmeier: „Deutschland übernimmt mit dem Vorsitz in der OSZE auch mehr Verantwortung für Frieden und Sicherheit in Europa. Wir bekennen uns zu der Vision eines Raumes ungeteilter Sicherheit und vertrauensvoller Zusammenarbeit, wie sie in den Dokumenten der KSZE und OSZE seit der Schlussakte von Helsinki niedergelegt ist.“

Die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern ordnen sich ein in die Gesamtbeziehungen zwischen der Republik Belarus und der Europäischen Union. Diese Beziehungen haben sich in den zurückliegenden 12 Monaten spürbar verbessert. Sichtbarster Ausdruck hierfür war die Aufhebung der gegen die Republik Belarus gerichteten EU-Sanktionen Ende Februar des Jahres. Ich verrate Ihnen heute kein Geheimnis, wenn ich sage, dass es insbesondere auch Deutschland war, das sich für diese Aufhebung  eingesetzt hat. Seit Ende 2015 haben sich die offiziellen Kontakte zwischen Mitgliedstaaten der Europäischen Union und der Republik Belarus deutlich erhöht, auch natürlich zwischen Deutschland und ihrem Land. Heute kann man feststellen, dass auch kritische Themen in unseren Beziehungen mit neuer Offenheit angesprochen werden können. Hieraus kann eine Entwicklung einsetzen, die es uns - auch nach den nicht unseren Erwartungen in vollem Umfang gerecht gewordenen Parlamentswahlen - ermöglicht, die vielen nicht ausgeschöpften Potenziale in unseren Beziehungen aktiv anzugehen. Dies braucht Zeit, Geduld und Vertrauen in den jeweiligen Gegenüber. Worum es aber letztlich geht, sind doch die Menschen in unseren beiden Ländern und deren gemeinsame Zukunft in Sicherheit, Frieden und Freiheit.

Lassen Sie mich an dieser Stelle noch an zwei Ereignisse in diesem Jahr erinnern, die aus meiner Sicht von besonderer Bedeutung für den Grundgehalt der Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern waren bzw. sind.

Im April des Jahres wurde weltweit der Tschernobyl-Katastrophe vor 30 Jahren gedacht. Diese Katastrophe hatte in ganz besonderem Ausmaß die Republik Belarus getroffen. Es hat aber auch eine bis dahin nicht gekannte Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft in Deutschland ausgelöst, die zum Teil noch heute spürbar ist und Früchte trägt. Viele Initiativen, Gemeinden und Städte haben spontan geholfen und haben auf diese Weise gezeigt, was über physische und politische Grenzen hinweg möglich ist. Von dieser Art des Miteinanders brauchen wir mehr, auch ohne dass hierfür eine Katastrophe, wie die von Tschernobyl, den Anstoß gibt.

Am 22. Juni des Jahres jährte sich zum 75. Mal der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. Am Ende dieses Vernichtungskrieges standen über 25 Millionen Tote auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Kaum ein Land war so stark von dem, was auf den Überfall folgte, betroffen, wie das Ihre. Über zwei Millionen Opfer und weitgehend zerstörte Städte und Dörfer. Das Wachhalten der Erinnerung an das Grauen des Krieges und an die deutsche Schuld ist und bleibt eine unverzichtbare Voraussetzung für die Aussöhnung zwischen unseren Ländern. Mit den Worten von Außenminister Steinmeier: „Wir Deutsche sind unendlich dankbar dafür, …., dass aus den traumatischen Erfahrungen des Kriegs und erbitterter Feindschaft, aus Gewalt und Barbarei, aus Leid und Vertreibung Verbindendes und Partnerschaft, ja sogar wieder Freundschaft wachsen konnte.“ Hieran weiter zu arbeiten, bleibt – auch über politische Differenzen hinweg – auch künftig eine unverzichtbare Aufgabe.

Bildergalerie: Tag der Deutschen Einheit 2016