Rede des Botschafters Dr. Christof Weil bei der Kranzniederlegung am Volkstrauertag, 13.11.2011 in Tarasowo

Liebe Landsleute,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

Deutsche in der ganzen Welt gedenken am heutigen Volkstrauertag der Toten der Kriege und der Gewaltherrschaft.

Dies wollen wir gemeinsam auch hier tun, auf dem Friedhof in Tarasowo, wo über Tausend in der Kriegsgefangenschaft gestorbene deutsche Soldaten mit Kameraden aus anderen, damals mit Deutschland verbündeten Ländern ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.

Ich danke Ihnen für Ihr Kommen.

Vorgestern legten wir in Minsk einen Kranz aus Anlass des Waffenstillstands 1918 nieder, mit dem das millionenfache Töten in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs vor 93 Jahren sein Ende fand – eines Krieges, der im Osten zu einem wesentlichen Teil auf dem Gebiet des heutigen Belarus ausgetragen wurde.

Im Juni begingen wir den 70. Jahrestag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion, mit dem der schrecklichste aller europäischen Kriege entfesselt wurde.

Im Juli wurde der große deutsche Soldatenfriedhof in Schatkowo bei Bobruisk eingeweiht. In ihm werden bis zu 50.000 deutsche Soldaten ruhen.

Die meisten von ihnen fielen während der gewaltigen sowjetischen Offensive im Sommer 1944, die zur größten Niederlage der deutschen Militärgeschichte führte.

Liest man in Schatkowo die langen Reihen von Namen auf den Grabsteinen, wird man auf die ewige Frage zurückgeworfen: „Warum?“

Anfang Oktober konnte ich in Grodno Angehörigen von sowjetischen Kriegsgefangenen sogenannte „schicksalsklärende Unterlagen“ betreffend ihre Lieben übergeben.

Diese waren, wie etwa die Hälfte der sowjetischen Gefangenen, nicht aus Deutschland nach Hause zurückgekehrt. Auch diesen Genozid, den Massenmord an den Gefangenen, dürfen wir nicht vergessen.

Wenige Tage später war ich in das Dorf Poretschje bei Marina Gorka eingeladen, wo in einer Feierstunde der Rettung von vierzig jüdischen Kindern gedacht wurde, die aus dem Minsker Ghetto fliehen konnten und bei den mutigen Bewohnern des Dorfes Aufnahme fanden.

Ich sagte bei dieser Gelegenheit: „Ein solches Dorf gibt es in Deutschland nicht.“

Und neulich besuchten wir das Denkmal „Krasnij Bereg“ bei Schlobin, mit dem an ein Kinder-KZ an gleicher Stelle erinnert wird.

Für mich wurde dabei das Vokabular des Schreckens um einen fürchterlichen Begriff erweitert: „Kinder-KZ“.

 

Seit Kriegsende sind nun über 66 Jahre vergangen. Aber wie dieser Bericht zeigt, ist der Krieg, ist das unermessliche Leid, das er über unser Gastland brachte, in Belarus sehr präsent.

Mir scheint: Die nun schon drei Generationen zurückliegende Vergangenheit ist hierzulande noch deutlicher im Bewußtsein der Menschen verankert als in Deutschland. Sie ist Teil ihrer Identität.

Der Zweite Weltkrieg wirft aber nicht nur in Belarus noch lange Schatten. Die Erfahrung seiner Schrecken - Schrecken, die wir Deutsche auch über uns selbst brachten - gehört nicht weniger zu unserer nationalen Identität.

Ihr müssen wir uns noch heute stellen - nicht nur, aber gerade in unserem Gastland. Nur durch das uneingeschränkte Bekenntnis zu unserer historischen Verantwortung für den Zivilisationsbruch, für den das nationalsozialistische Deutschland in der Welt steht, ist das demokratische Deutschland wieder zu einem geachteten Mitglied der Völkergemeinschaft geworden.

Bei den genannten bewegenden Erfahrungen dieses Jahres durfte ich die Bereitschaft zur Versöhnung über Leid und Gräber hinweg erleben. In diesem Geist bitte ich Sie nun, in einer Schweigeminute der Toten der Kriege und Gewaltherrschaft zu gedenken.

Deutschland gedenkt der Opfer der Kriege und der Gewaltherrschaft